Director’s Note

Die Geschichte von Marco Polo ist unendlich. In Variationen wird sie weitererzählt. Bis heute. Jemand bricht auf ins Unbekannte. Er kommt zurück und berichtet. Manchmal glaubt man ihm nicht. Marco Polo zum Beispiel hat man nicht geglaubt. Einen Angeber hat man ihn genannt. Messer Milione, weil in China angeblich alles soviel größer gewesen sei. Uli Sigg hat der Gefahr, dass man ihm nicht glauben könnte, vorgebeugt und die größte Sammlung chinesischer Gegenwartskunst angelegt. 2200 Werke sprechen für sich. Und für Uli Sigg. Seine chinesischen Leben.

Als ich Sigg am Rande unserer Dreharbeiten zur Dokumentation Bird’s Nest kennengelernt habe, ist mir sofort aufgegangen, dass dieser Mann nicht nur ein Leben führt, sondern mehrere. Gleichzeitig und nacheinander. Ich würde mindestens drei zählen. Dreimal Leben im Ausnahmezustand.

1979 gehörte er zu jenen Abenteurern, die Rotchina von den Vorzügen der Marktwirtschaft überzeugen wollten. Ihm ist das gelungen, und er hat zwölf lange, harte, faszinierende und manchmal absurde Jahre lang für die Firma Schindler das erste Joint Venture in Peking geleitet.

1995 wurde er Schweizer Botschafter in Peking. Natürlich nicht irgendein Karrierediplomat. Schließlich kannte er Präsident Jiang Zemin aus alten Schindler-Zeiten, und er kannte den Untergrund der Kunstszene. Begann systematisch zu sammeln. Künstler wie Fang Lijun oder Wang Guangyi haben ihn nie als einen Sammler gesehen, der Geld verdienen will. Ai Weiwei hat die Preise für seine eigenen Werke immer heruntergehandelt. Leute wie sie wussten, dass ein Großteil der chinesischen Gegenwartskunst dieser Jahre für immer zerstört oder verschwunden wäre, hätte Sigg sich nicht darum gekümmert.

Seit bald zwanzig Jahren pendelt Sigg zwischen seinem Wasserschlösschen nahe Luzern und China. So sind wir uns 2003 begegnet. Herzog und de Meuron suchten seine Hilfe bei der Vorbereitung zum Wettbewerb um den Bau des Olympiastadions in Peking. Ohne ihn, haben mir Jacques und Pierre damals schon gesagt, werden wir das nie hinkriegen. Sigg war damals schon der einflussreichste Mann in Sachen chinesischer Gegenwartskunst, Berater in Politik und Wirtschaft.

Aber nicht das macht seine ungewöhnlichen Leben so interessant. Es ist nicht nur Ehrgeiz, sondern auch Glück im Spiel. Glück, das Sigg genießt. So wie Marco Polo es genossen hätte.

Sigg hat – ich behaupte, dank einer Kette von Zufällen und einer Reihe persönlicher Motive – aus intimer Nähe erleben können, wie dieser chinesische Riese 1979 mit der “Politik der Offenen Tür” aus seinem fast zweihundertjährigem Koma erwacht ist. Man könnte sogar sagen, Sigg hat einen Beitrag dazu geleistet, den Riesen aufzuwecken. Als er die Volksrepublik China erstmals besuchte, war über dieses Land weit weniger bekannt als heute über Nordkorea. Das Land und seine Menschen wussten nicht viel über sich selbst. Sigg ist gereist, hat verhandelt, gemanaget, geschwitzt, gefroren, gelernt und gelehrt wie kaum sonst ein Westler. Er ist chinesischen Präsidenten und flüchtigen RAF-Terroristen begegnet. Ai Weiwei hat mir über ihn gesagt: Uli was always the maker.

Chinas Aufbruch ins 21. Jahrhundert wird von Zeithistorikern als die folgenreichste Transformation einer Gesellschaft in der Weltgeschichte gesehen. Sigg war nicht nur dabei, sondern er hat diese Transformation verstehen wollen. Er hat begriffen, dass die Kunst vielleicht ein besseres Instrument dazu ist als alle diplomatischen Dinner, Geschäftsverhandlungen, Dienstreisen oder Medienreportagen zusammen.

Die chinesische Gegenwartskunst, wie wir sie aus Siggs Sammlung kennen, ist ein einzigartiger Zeuge der Transformation Chinas. Seines Neuaufbaus, der Zerstörungen. Es ist eine zufällige, aber kuriose Metapher, dass Sigg Aufzüge hat konstruieren lassen. Er wollte auch persönlich in die Höhe, aber durch und mit China. Für mich sind die chinesischen Leben Uli Siggs auch eine Geschichte über die Modernisierung Chinas. Die Kunstwerke seiner Sammlung treten auf wie Geschichtenerzähler über eine nie dagewesene Epoche wirtschaftlicher, sozialer und ökologischer Umbrüche. Daher kommen im Film neben Sigg und anderen westlichen Experten und Freunden vor allem chinesische Künstler dreier Generationen und ihre Werke zu Wort. Sie sprechen nicht so sehr über Kunst, vielmehr lassen wir Kunst und Künstler über die Gesellschaft sprechen.

Die drei Jahre, die ich mit Marcel Hoehn, Filip Zumbrunn, Feng Membo, Patrick Kull, später Dieter Meier, Marina Wernli und vielen anderen an dem Film gearbeitet, die ich mit Uli Sigg, seiner Frau Rita und den anderen Protagonisten verbracht habe, haben meinen Blick nicht nur auf China, sondern auf unsere Zeit verändert. Auf das, was wir Globalisierung nennen.

Ich bin allen Beteiligten, insbesondere Uli und Rita Sigg selbst, dafür sehr dankbar.

Michael Schindhelm

Synopsis 24. Nov Production Sheet 24. Nov
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